Kann Gasser lesen? – Monatliche Lektüreempfehlungen von Markus Gasser

 

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Lektüreempfehlung Oktober 2016:

Ian McEwan – Nußschale

 
Wir passionierte Leser haben ja schon so einige Wunderlichkeiten erlebt: Säuglinge kommen als Tattergreise zur Welt und werden Jahr um Jahr immer jünger und infantiler, Ich-Erzähler reden aus einem Leben nach dem Tod auf uns Diesseitige ein … Nun aber setzt Ian McEwan noch einen drauf. „Ich glaube an ein Leben nach der Geburt.“ Im neuesten Romancoup des Meisters, „Nußschale“ (in Bernhard Robbens kunstvoller Übertragung bei Diogenes), räsoniert ein Fötus mit der wilden Komik von „Lolitas“ Humbert Humbert ingeniös lautmalerisch über die großen Menschheitsfragen, über ödipale Befindlichkeiten, Genetik und die untergangsseligen Katastrophen-Kommentare aus der Nachrichten-Welt. In berstender Neugier auf unseren Planeten liest der Fötus uns die Leviten. Wir seien ihm einfach zu negativ und auch noch so sonderbar munter dabei. Recht hat er.

Aber woher nimmt ein Ungeborener bloss all diese Bildung? Mama Trudy hört besessen Podcasts und bettet sich mit Shakespeare und dem „Ulysses“ von Joyce im Ohr zur nächtlichen Ruhe. Und so hat sich unser Erzählerich während seiner achtmonatigen Laufbahn zu einem schwelgerischen Connaisseur der Hochanspruchsliteratur, global-politischer Miseren, böser kollektiver Träume und der erlesensten Rebsorten heranentwickelt. Allerdings machen ihm gerade die Weine zu schaffen. Schwupps hat Trudy unbesorgt schon wieder ein Glas Sauvignon in die Plazenta hinabgegossen: Sie trinkt, zum benebelnden Vergnügen ihres Söhnchens im Bauch, buchstäblich für zwei. Wie soll der Gnom da aber jenes perfekte Verbrechen vereiteln, das Trudy und der tumbe Onkel Claude an seinem Vater zu begehen trachten, so wie Gertrude und Claudius an Hamlet senior auf Helsingör? Indem er sich mit seiner Nabelschnur erdrosselt? Auch weil Trudy und seines Erzeugers Rivale auf ihre grobschlächtige Sexualakrobatik nicht verzichten mögen, fürchtet er um seinen empfindlich-empfindungsreichen Kopf: „Nicht jeder weiß, was es bedeuten kann, wenn man den Penis seines Onkels nur wenige Zentimeter vor seiner Nase hat.“

Mit fast siebzig ist plötzlich der junge Ian McEwan zurück, der Fanatiker unbedenklichen Eigensinns, „Ian MacAbre“, ebenso überragend, intellektuell aufregend und stilistisch brillant wie jener McEwan der mittleren Jahre, der „Abbitte“ zu einem unserer Lebensereignisse werden ließ: aber kraftvoller noch und klüger, gelassener und gedrängter − pointiert irrwitzig; grotesk.

Und daseinsfroh. „Mein Rat an Neugeborene: Schreit nicht. Schaut euch um. Schmeckt die Luft.“ Da wir unseren McEwan nie anders wollten, als er selber gerade zu sein entschied, machen wir uns diesmal seine anarchische Freiheit zu eigen und genießen auch sie: wie sein Held den Sauvignon. In vollen Zügen und mit Dankbarkeit.

 
 

Ian McEwan stellt seinen neuen Roman „Nutshell“ / „Nußschale“ vor:

 

Lesen Sie auch die Hymne auf Ian McEwan und seinen 2010 erschienenen Roman „Solar“: „Du musst dein Klima ändern“