Kann Gasser lesen? – Monatliche Lektüreempfehlungen von Markus Gasser

 

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Lektüreempfehlung Februar 2016:

E.M. Forster – Maurice

 
Er wollte der Welt mehr geben, als er von ihr genommen hatte, sagte er: Edward Morgan Forster war ein rundum sanfter und großherziger Mensch − was bekanntlich nicht nur unter Schriftstellern eine Seltenheit ist. So werden Sie sich nicht darüber verwundern, dass ich soeben eine Woche lang glücklich gewesen bin, als ich nach langer Zeit und wie zum ersten Mal E.M. Forsters Roman „Maurice“ las − im Original und in der besten Ausgabe, der „Abinger Edition“, mit allen Varianten, die Forster uns hinterließ. Ich las atemlos, schwelgerisch und zugleich bedächtig, weil Forster dafür sorgte, dass jeder Satz an seinem rechten Ort und gut aufgehoben ist, so wie am Schluss auch unser Liebespaar, Maurice Hall und Alec Scudder, fern der Welt, tief in den Wäldern Albions: „Und jetzt werden wir nicht mehr getrennt, und damit hat es sich.“ Sie werden stets auf der Flucht sein, doch ihre Heimat bis zu ihrem Tod ineinander gefunden haben. Daß es für die beiden zu einem Happy-End kommen mußte, stand für Forster schon am Anfang der Niederschrift 1913 fest, gerade weil es für die Homosexuellen Großbritanniens – man denke an die Tragödie Alan Turings − per Gesetzesbeschluss keines geben durfte: Bis 1967 galt die Liebe unter Männern dort als Schwerstverbrechen. Deshalb kam der Roman erst nach Forsters Tod 1971 heraus. Und deshalb auch kann es sich der Roman erst gar nicht leisten, was heute bei manchen so groß in Mode ist: stilistisch sparsam zu sein und zurückhaltend, nüchtern, beiläufig, karg und schlicht. Im Gegenteil: mit melodramatischem Pathos, Thriller-Spannung, Extravaganz und einem unbeschränkten Gespür für die komplexeste Gefühlsregung seiner Gestalten begehrt der Roman gegen diese rachitische Ödnis auf, und statt sich, wie viele sonst, gegen Ende hin zu verlangsamen, drängt er voran. Für mich ist „Maurice“ – „Wiedersehen in Howards End“ hin, „Auf der Suche nach Indien“ her – Forsters kühnstes, bedeutendstes Werk. Wie einige Literaturexperten dieses weise und leidenschaftliche Buch als „verrenkten Schwulenkitsch“ abtun können, soll ein segensreich unlösbares Rätsel bleiben. Aber es könnte ja sein: wer nur von Literatur etwas versteht, versteht im Grunde auch von Literatur nicht sehr viel und hat vom Leben längst Abschied genommen.
 
 

Hören Sie einen kurze Leseprobe aus Maurice:

Gelesen von Markus Gasser.

 
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Sehen Sie zusätzlich einen Kurzausschnitt

aus einer Dokumentation über E.M. Forster: