Kann Gasser lesen? – Monatliche Lektüreempfehlungen von Markus Gasser

 

Gilead
Lebensstufen
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ff
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Lektüreempfehlung Juni 2016:

Julian Barnes – Lebensstufen

 
Es gilt jetzt, von einem Kapitel in einem Buch zu berichten, das viele andere Werke der Weltliteratur ersetzen könnte, vom „Verlust der Tiefe“ in dem Erzählband „Lebensstufen“ von Julian Barnes bei Kiepenheuer & Witsch: 2008 wurde Barnes´ Frau, die Literaturagentin Pat Kavanagh, „mein Herzblut, mein Lebensnerv“, nach 30 Jahren Ehe zur Diagnose Gehirntumor verurteilt, 37 Tage später war sie tot. Dass Julian Barnes über diesen „Verlust der Tiefe“ überhaupt zu schreiben imstande war und dabei auf nur wenigen Seiten zum Ausdruck bringt, was Liebe, was Leben bedeuten kann, mutet unheimlicher an als die funkelndste Prosapassage bei Goethe, Nabokov, Kleist. „Der Verlust der Tiefe“ ist eine Klage voll glühenden Leids, unsentimental, hellsichtig, in sich geschlossen, ultimativ; und zugleich überwölbt ein Regenbogen sanften Humors die Geschichte, etwa wenn Barnes dem mythischen Orpheus die Leviten liest: Der darf seine Eurydike bekanntlich nur dann aus der Unterwelt hinaufführen, sofern er sich nicht umblickt nach ihr, Orpheus tut´s dennoch, und Eurydike stirbt. „Mein Problem damit war die Gewissheit“, so Barnes, „dass niemand, der einigermaßen bei Sinnen ist, sich umdrehen und Eurydike ansehen würde, weil er sich über die Folgen im Klaren ist.“ Andererseits, räumt Barnes in einer seiner typischen Volten ein: „Ist es überhaupt denkbar, dass man sich an sein Gelübde hält, wen man Eurydikes Stimme hinter sich hört?“
Aber gerade weil Orpheus vor Liebe und Hoffnung von Sinnen ist, dreht er sich um. Sind im Grunde nicht diese blöden Götter mit ihrer Dreh-dich-nicht-um-Klausel an dem ganzen Elend schuld? So findet Barnes Trost auch am allerwenigsten in der Religion: Er vermisst den christlichen Gott (wie der große Essayist Michael Maar es so prägnant formuliert), obwohl er nicht an ihn glaubt. Atheismus kam mir immer phantasielos, leer, langweilig vor; doch Julian Barnes, einem der liebenswürdigsten Schriftsteller unserer Tage, fehlt es an jener satten Gleichgültigkeit, die die meisten Feinde des Übernatürlichen heute frivol selbstzufrieden zur Schau stellen – und damit ihren Mangel an Bildung, Tradition und Gemüt.

 
 

Lesen Sie Michael Maars Essay zu „Nichts, was man fürchten müsste“ von Julian Barnes, „Die glitzernden Augen im Dschungel“

 
Sehen Sie zusätzlich ein Interview mit Julian Barnes:

 

 
 
Und hören Sie auch einen kurze Leseprobe aus Lebensstufen:


Gelesen von Markus Gasser.