Kann Gasser lesen? – Monatliche Lektüreempfehlungen von Markus Gasser

 

Gilead
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Lektüreempfehlung August 2016:

John Updike – Gott und die Wilmots

 
Im Namen Gottes werden heute wieder derart unverzeihliche Verbrechen begangen, dass in der westlichen Welt kaum einer, der bei Sinnen ist, noch ernsthaft von „Gott“ reden will. Es mag um die reale Existenz des Großen G. bestellt sein wie es will: Die Ungeheuerlichkeit, mit der ihn Gläubige für ihre Menschenverachtung und Bestialität zu nutzen wissen, hat uns die religiöse Sprache verschlagen. In dieser Situation kann es nicht schaden, sich einmal erzählen zu lassen, wie es zu unserem Gottesüberdruss eigentlich gekommen ist: John Updikes Generationenopus „In the Beauty of the Lilies“, zu deutsch „Gott und die Wilmots“ im Rowohlt Verlag, schildert den allmählichen Verbrauch und Verschleiss Gottes in unserer Vorstellungswelt − und an Verbrauch und Verschleiss sind hier mal nicht Richard Dawkins, Salman Rushdie oder Christopher Hitchens schuld, sondern ihre schrillen, überschwänglich frommen, verbitterten Gegner, die wiederum den SS-schwarz vermummten Dschihadisten so schauerlich ähneln können. 1910 verliert der New Yorker Pastor Clarence Wilmot in Updikes Roman seinen Glauben, und das Stummfilmkino wird Wilmot zur nun einzig trostreichen Kirche; zur Kinogöttin avanciert ab den vierziger Jahren seine Enkelin Essie Wilmot, auch weil sie in ihrer naiven Selbstsucht wähnt, die ganze kosmische Aufmerksamkeit des Allmächtigen ruhe auf ihr; zu Gottes Vollstreckerstimme auf Erden erklärt sich dann der waffen- und endzeitbesessene Sektenführer Jesse Smith, in dessen Bibelspruchfetzen spuckenden Bann Essie Wilmots Sohn Clark gerät. Selbst seine Feinde nehmen Jesse Smith seine selbstirre Starrolle ab, und so verflüchtigt sich Gott um 1990 wie endgültig zu sonnengreller Nullundnichtigkeit: Smith befiehlt, alle Frauen und Kinder auf seiner Tempelranch zu erschießen, um die Vollkommenheit vom Himmel auf die Erde zu bringen. „Übrigens haben wir hier“, erklärt der Sprecher des FBI, „an die zehn Psychotiker, die uns beteuern, dass Jesse Smith ins Gefängnis gehört, weil nicht er, sondern sie der wahre Jesus Christus sind. Es waren auch ein paar Frauen darunter – mal was Neues. Bei diesem Ausmass an menschlicher Krankhaftigkeit kann man doch nur kotzen.“  
In John Updikes „Gottesprogramm“ sieht ein Christusfreak unablässig und überall den Teufel am Werk, den Zweifel − und Theologieprofessor Roger Lampert erwidert gelassen: „Seltsam, aber ich finde, der Teufel ist die Abwesenheit des Zweifels. Er ist das, was die Menschen zu terroristischen Selbstmordattacken treibt und zur Errichtung von Konzentrationslagern. Der Zweifel mag dem Abendessen einen komischen Beigeschmack verleihen, aber es ist der Glaube, der loszieht, um zu töten.“ Doubt may give your dinner a funny taste, but it´s faith that goes out and kills.

 
 

Faith kills – hören Sie einen Ausschnitt aus John Updikes Roman „Das Gottesprogramm“ / „Roger´s Version“,
  vorgelesen von Markus Gasser:

 
 

Sehen Sie zusätzlich das grossartige Interview zu „In the Beauty of the Lilies“ / „Gott und die Wilmots“ mit Charlie Rose: