Kann Gasser lesen? – Monatliche Lektüreempfehlungen von Markus Gasser

 

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Lektüreempfehlung November 2016:

Bruce Springsteen – Born To Run

 
„Aber das … das ist doch bloss Rockmusik“, meinen manche und denken dabei, die Augen andächtig schräg gen Himmel gewendet, an Schubert, Mozart, Beethoven, Bach. „It is“, erwidert ihnen Bruce Springsteen darauf, „oh so much, much more than that.“ − Weihnachten 1965 fragte die „New York Times“ Universitätsabgänger, welcher Schriftsteller nach dem Tod William Faulkners denn für sie der „Public Writer Number One“ in den USA sei. Die Antwort fiel einhellig aus. Sie brachte die Journalisten der „New York Times“ allerdings in einige Verlegenheit: Erstmals in der Weltgeschichte wurde ein Singer-Songwriter aus den Reihen der von Adorno so unglücklich griesgrämig genannten „Kulturindustrie“ zum Dichter der Nation erhoben: Bob Dylan. Dass man Dylan ein halbes Jahrhundert später den Nobelpreis für Literatur zuerkennen würde, hätte Springsteen schon damals nicht wirklich überrascht: Als er ihm einmal über den Weg lief und Dylan ihn fragte, ob er irgend etwas für ihn tun könne, antworte Springsteen: „Mein Gott, das haben Sie bereits, allein dadurch, dass es Sie gibt.“ Mitte der 1970er war es dann soweit: Springsteen konnte sich stolz an Dylans Seite stellen, mit dem Album „Born to Run“, das sich, opernhaft opulent, noch heute so anfühlt, wie es gedacht war: Springsteen wollte, wie Dylan mit „Highway 61 Revisited“ ein Jahrzehnt zuvor, ein Werk schaffen, das man kurz vor dem Untergang der Menschheit auf den Plattenteller legt. Kritiker Greil Marcus gestand, es sei zumindest ihm unmöglich, „Born to Run“ in einem durchzuhören, ohne nicht lächelnd in Tränen auszubrechen: „This is it.“

Wie wurde Bruce Springsteen zu Bruce Springsteen? Indem er ohne Einfluss-Ängste Bob Dylan und Elvis Presley werden wollte (in den USA nennt man solche Nachfolge nicht Imitation, sondern Tradition), und Springsteen hatte das Glück – so schreibt er in seiner heiter-melancholischen Autobiografie „Born to Run“ (bei Simon & Schuster und zeitgleich auf deutsch im Wilhelm Heyne Verlag) −, mit seinen ersten beiden so sprachtrunkenen wie erfolglosen Alben ohne Druck von aussen eine gewappnete Persönlichkeit entwickeln zu können. Er verstand es, sich aus dem Verkehr der Öffentlichkeit zu ziehen, während Kollegen in ihrer Verzweiflung im Drogenrausch verschwanden. Was keine geringe Leistung war: Die grosse Überraschung seines Buches liegt darin, dass Springsteen zeitlebens (seinem mächtigem „Hier-bin-ich-und-ich-kann-nicht-anders“-Image entgegen) wieder und wieder – und bis an den Rand des Freitods − im „schwarzen Schlamm“ hoffnungslosester Depressionen versank, um seine Existenzangst und Verlorenheit dann in einem Akt der Selbstermächtigung in majestätischen Furor zu verwandeln, seine Alben als einen Fortsetzungsroman zu konzipieren und ihn mit Gestalten wie Tom Joad, Johnny 99 und Mary Queen of Arkansas zu bevölkern, mit Hazy Davey, Bobby Jean und Jimmy the Saint.

So verwundert es nicht, daß David „The Wire“ Simon seine TV-Serie „Show Me a Hero“ mit Springsteen-Stücken illustriert: Der Plot dieser Serie, traurig und hoffnungsvoll zugleich, könnte einem seiner Songs entlehnt worden sein. Zwischen den epischen Nummern auf seinen Vierstundenkonzerten erzählte Springsteen stets noch Geschichten dazu, die fast jedem fast überall zustossen könnten, und seine Autobiografie ist erinnerungswürdig platzvoll davon. Nur wer sich nicht zuviel einbildet auf sich selber, ist mehr, als er glaubt: Er könne noch immer keine Noten lesen, gibt Springsteen in „Born to Run“ unumwunden zu; seine Stimme sei auch nicht besonders, und eigentlich wolle er der Welt um ihn her nur einen Sinn abringen, um bei Verstand zu bleiben − und darum bleibt Springsteen wie sein Vorbild Bob Dylan auch, was er immer sein wollte: einer von uns.
 
 

Hören Sie einen Ausschnitt aus „Born To Run“, gelesen von Markus Gasser:

  

Springsteens „Gave It a Name“ als Anfangssequenz von David Simons
„Show Me a Hero“, für den Hubschrauberflug über Yonkers, New York:

 

“Born To Run”, live 1976:

 

Bruce Springsteen im Interview mit Charlie Rose: