Kann Gasser lesen? – Monatliche Lektüreempfehlungen von Markus Gasser

 

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Lektüreempfehlung Dezember 2015:

Lew Tolstoi – Anna Karenina

 
Sie hat mich wieder. Erneut bin ich verliebt in Anna – oder: bin es noch immer. „,Anna Karenina‘, ,Anna Karenina‘, ,Anna Karenina‘“, erwiderte William Faulkner ohne Zögern, als man ihn nach den drei besten Büchern aller Zeiten fragte, so als wären der Titel und der Roman eine Beschwörungsformel, um sich gute Geister herbeizuwünschen, die einen beschützen, und ein Mensch zugleich – und „Anna Karenina“ ist tatsächlich beides. Die Figuren des Romans treten einem so vital entgegen wie leibhaftige Wesen. Vielleicht verachtet man Annas Ehemann, den bürokratischen Karenin, anfangs noch, aber in die Antipathie schleicht sich bald Mitgefühl; will man zu Beginn mit Stiwa Oblonski im Restaurant Austern zu zwei Flaschen Champagner essen, so büßt dieser Lebemann umgekehrt vor lauter taugenichtsiger Sorglosigkeit dann etwas ein an Sympathie. Doch am Schluß tun einem fast alle nur leid, und man liebt sie: lediglich die Moskauer Gesellschaft nicht. Wenn man wissen möchte, was Literatur vermag − hier kann man es erfahren. Wenn man keine Nachsicht aufbringt für Unwesentliches und sich Zeit nur für Unerläßliches nehmen will: this is it. Selbst die Gedanken eines Hundes kommen darin vor, und die Szene, in der – Kapitel XIII des Vierten Teils – Lewin und Kitty einander ihre Liebe über ein Buchstabenspiel erklären, ist wortwörtlich magisch und fast schon unglaubhaft schön. Ein Freund sagte mir kürzlich, es ärgere ihn der Schluß, da Lewin mit Gott und der Welt versöhnt zu sein scheint. Aber hätte Tolstoi mit Anna Kareninas Rachesuizid enden sollen? Und mein Freund hat vergessen, daß Lewin bis zu seinem Tod weiter Krisen durchmachen wird wie der robust ruhelose Tolstoi dereinst selber und wir allesamt hier und heute. Hat man „Anna Karenina“ einmal in der Übersetzung von Rosemarie Tietze im Carl Hanser Verlag gelesen, will man sie danach von Ulrich Noethen im Hörbuch vorgelesen bekommen, wieder und wieder. Es lebt sich einfach leichter so.
 
 

Hören Sie einen kurze Leseprobe aus Anna Karenina,
Kapitel 13: Wie hört man zu streiten auf?

Gelesen von Markus Gasser.